Wann ist ein Mensch alt? Wenn er am Sonntag mit dem Rennrad eine Steigung hoch radelt und irgendein junger Zweirad-Schnösel ihn locker überholt? Nein, das Kriterium lautet: Er hat die Erstausstrahlung von “Raumpatrouille Orion” erlebt. Er war in jeden Zeiten schon befugt, bei den Abenteuern eines Raumschiffes vor dem Fernseher mitzufiebern, auf dessen Kommandobrücke eifrige Kulissenbauer ein Bügeleisen recycelt hatten und dessen Besatzung mit wenig geschmackssicheren, dafür engen Klamotten das All durchstreiften. Aber es war toll!
Und ganz ohne Farbe! Als Willy Brandt 1967 den Knopf drückte und die ersten Fernsehbildschirme Farbe zeigten, war das angeblich gar keine Premiere. Irgendeine Technikerin im Funkhaus hatte schon versehentlich vorher auf den Knopf gedrückt und, mit bester Reaktion gesegnet, den Lapsus in Sekundenbruchteilen wieder rückgängig gemacht.
Wie dem auch sei. Über Jahre hinweg lebte der Fernsehzuschauer in dem festen Glauben, dass wirkliche Menschen eine krebsrote Haut haben und dass die Wiese hinter dem Hause eine Fehlfarbe hat, weil sie nicht dieses knallige Grün wie im Fernseher aufwies.
Der Farbfernseher avancierte zum Statussymbol. Der Blick in die Wohnzimmer zeigte die Auswirkungen: Eine Gesellschaft von Sitzmöbeln, die sich in stummer Anbetung und Bewunderung dem TV-Altar und dem darin auftretenden Künstler zuwendet.
Trotzdem sollte keiner behaupten, das Fernsehen würde die familiäre Kommunikation unterbinden. Unfug – erstens haben sich Mann und Frau spätestens nach fünf Jahren Ehe sowieso nichts mehr zu sagen. Da ist das Fernsehen als Alibi zum gegenseitigen Anschweigen eine Erlösung. Und zweitens unterhält man sich gerade wegen des Fernsehens: “Du durftest gestern Bundesliga, da darf ich heute Pilcher gucken!”
Bei einem Zeit- oder Drittgerät wird es schwieriger, den Draht zueinander nicht zu verlieren. Darum geht es dem Statussymbol LCD TV wie allen Statuszeichen. Wenn jeder eines hat, wird Verzicht zum Luxus. Aber keine Panik. Demnächst wird in einer Vormittags-Talkshow ein Mensch mit Rollkragenpullover und randloser Brille auftreten. Die Sendung wird heißen: “Ich bin ein Fernsehgucker. Und ich stehe dazu!”
Ohne Fernseher kann ich mir das alles auch nicht vorstellen. Wäre für mich ähnlich wie ohne Computer, ohne Telefon, ohne Handy. Unsere technischen Neuerungen haben doch auch Vorteile, die nicht von der Hand zu weisen sind.
Mittlerweile steht doch auch in fast jedem Kinderzimmer ein Fernsehgerät. Einerseits finde ich es nicht so gut, wenn Kinder zuviel Zeit vor Fernseher und Computer verbringen, andererseits ist es vorteilhaft, da die Fernsehpräferenzen der Kleinen meistens nicht denen der großen Haushaltsmitglieder entsprechen. So hat alles seien Vor- und Nachteile. Auf ein vernünftiges Maß beschränkt ist aber auch der Fernseher im Kinderzimmer kein Problem.