Wer die Möglichkeit hat, ein Auslandsjahr einzulegen, sollte auf jeden Fall zugreifen. Egal ob während der Schulzeit, des Studiums oder auch später im Berufsleben. Ein Auslandsjahr bringt einen persönlich um einiges weiter und auch im Lebenslauf macht es sich besonders gut. Abgesehen davon, dass die Fremdsprachenkenntnisse direkt vor Ort sich merklich verbessern. Vor mehr als 10 Jahren habe ich mein Auslandsjahr im nördlichen Italien verbracht und bin seitdem immer wieder äußerst positiv darauf angesprochen worden.
Mir hat mein Auslandsjahr in Italien damals sehr gut gefallen. Es hat mir viele Erkenntnisse gebracht und meinen Horizont extrem erweitert. Andere Länder, andere Sitten, welche Wahrheit in diesem Spruch steckt, hätte ich mir vorher nicht erträumen lassen. Unterm Strich kann ich darüber vor allem sagen: Vielen Dank, ich persönlich lebe am liebsten in Deutschland.
Das hat natürlich in erster Linie damit zu tun, dass ich eine Frau bin. Ich war im nördlichen Italien, in der Nähe von Udine, und die Einstellung zu Frau und Arbeit hat mir in diesem Landstrich so gar nicht gefallen. Viele Frauen arbeiten nur, um die Zeit bis zur Familiengründung zu überbrücken, denn die drei K’s (Kinder, Küche, Kirche) werden in der weiblichen Ansicht am höchsten geschrieben. Hallo? In welchem Jahrhundert lebe ich?
Weiter ging es damit, dass man als Frau nicht alleine weggeht, männliche Begleitung ist vorgeschrieben. Tja, von Emanzipation haben die Italiener wohl noch nicht so viel gehört. Vielleicht ist es mittlerweile etwas anders geworden, doch so ein Wandel bis hin zu unserer Einstellung vollzieht sich recht langsam.
Das Arbeitsleben in Italien war sehr interessant. Jobs hätte es für mich in Hülle und Fülle gegeben, drei Sprachen (deutsch, englisch und italienisch) sowie Computerkenntnisse waren in diesem Landstrich gefragt und zudem unter den Einheimischen Mangelware. Die Arbeitslosigkeit war aber auch recht hoch und so kam es während meines Auslandsjahres des Öfteren vor, dass ich persönlich angegriffen wurde „Sie nehmen meiner Tochter den Job weg“. Einer Dame habe ich sogar einmal meinen Job für Ihre Tochter angeboten. Sie hat dann doch dankend abgelehnt, als sie erfuhr, welche Qualifikationen dafür notwendig sind.
Ich war in einer Lebensmittelfabrik als Produktionsassistentin angestellt, durfte mich zudem um die Telefonzentrale kümmern und für die drei Inhaber verschiedener Nationalitäten Übersetzungen vornehmen. Das Gehalt war im Vergleich zu Deutschland extrem mager, die Lebenshaltungskosten dafür aber auch deutlich niedriger. Am meisten verwundert hat mich die Klassengesellschaft, in der strikt zwischen Arbeitern und Angestellten getrennt wurde. Als Angestellter gehörte man zur Top-Klasse, viele haben noch nicht einmal mehr als das nötigste mit den Arbeitern gesprochen. Grotesk: diese verdienten aufgrund ihrer Schichtarbeit meistens sogar mehr. Zumindest mehr als ich, aber wer weiß, vielleicht wurde ich ja über den Tisch gezogen.
Das Auslandsjahr war in meinem Fall eine wirklich tolle Erfahrung, auf die ich gerne zurückblicke. Aber nicht wehmütig. Ich möchte es zwar auf keinen Fall missen, doch ich weiß seitdem, wie gut ich es in Deutschland habe.
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